Wermut (Artemisia absinthium)
WALA Arzneimittel
Wermut - Artemisia absinthium

Wermut

Synonyme: Absinth, Ätsch, Alsem, Artenheil, Bitterer Beifuss, Eberreis, Elsenkraut, Elss, Eltz, Feldwermut, Grabekraut, Gottvergess, Heilbitter, Hilligbitter, Magenkraut, Mottenstock, Wiegenkraut, Wolfzausert, Würmlekraut, Wurmtod.
Wissenschaftlicher Name: Artemisia absinthium
Familie: Asteraceae (Korbblütengewächs)
Heimat: Sommertrockene Gebiete rund um das Mittelmeer, Kleinasien und Nordafrika.
Inhaltsstoffe: 0,15-0,4 % Bitterstoffe (Absinthin), 0,25-1,32 % ätherische Öle (Thujon, Thujol, Phellandren).

Beschreibung

Wie ein kleiner, graufilziger Wald kann er wirken, wenn er an seinen liebsten Standorten die volle Grösse von über 2 Meter erlangt. Der Wermut, der am besten auf kalk- und nährstoffreichen Böden z.B. in Weinbergen, an Felshängen, Strassenrändern, Bach- und Flussufern, auf Ruinen und Mauern wächst, bevorzugt sommertrockene Gebiete. Aus einem 3 bis 10 Jahre alt werdenden Wurzelstock wachsen im Frühjahr mehrere Stängel, die reich mit seidig schimmernden, graufilzig behaarten und gefiederten Blättern umgeben sind. Im Winter sterben alle oberirdischen Teile des Wermuts ab, der dann als holzige Rosette überwintert. Von Juli bis September werden die Stängel von reich verzweigten Blütenrispen gekrönt, die zahlreiche, unscheinbare gelbe, nach unten nickende Köpfchen in sich vereinen. Wermut vermehrt sich durch Wind, der den Blütenstaub zu den Stempeln benachbarter Blüten trägt.

Verwendung

Wermut wird während der Blütezeit geerntet, danach getrocknet, zu einem Sud für Tinkturen verarbeitet oder zu ätherischem Öl destilliert. Der sprichwörtliche Wermutstropfen, der Bittere, gehört zwar nicht zu den Wohlgenüssen, birgt in dieser Bitterkeit aber eine potente Heilkraft. Die Bitterstoffe und ätherischen Öle des Wermuts regen vor allem die Verdauung an. In der Volksheilkunde wird Wermut schon seit alters her gegen Appetitlosigkeit, Magendruck, Völlegefühl, Blähungen, aber auch bei Problemen mit der Leber und vor allem der Galle verwendet. Ausserdem fand er Verwendung bei leichten Krämpfen, z.B. bei Menstruationsbeschwerden und als Wurmmittel. In der Homöopathie setzt man das Absinthium gegen epileptische Anfälle, nervöse und hysterische Krämpfe ein. Als frisches Gewürz wird Wermut wegen seiner verdauungsfördernden Eigenschaften gerne zu fetten Speisen wie z.B. Gänsebraten verwendet. Bei dieser Spannbreite von Anwendungen versteht man, warum Hildegard von Bingen den wermuda zu den wirkungsvollsten Heilpflanzen zählte.

Wissenswertes

Die Herkunft des Wortes Wermuts liegt halb im Verborgenen. Eine Verbindung lässt sich herstellen zwischen der altdeutschen Schreibweise wermuota oder weonmuot und den Wortteilen werm = warm sowie uota = Wurzel, also wärmende Wurzel. Die wissenschaftlichen Namen arthemisia und absinthum leiten sich von der römischen Göttin Artemis, der Schwester des Heilgottes Apollon, und dem griechischen Wort absinthos = ohne Vergnügen ab, welches sich auf die Bitterkeit des Wermuts beziehen könnte. Über den Zusammenhang zwischen Wermut und der jungfräulichen Göttin Artemis ist leider kaum etwas bekannt. Das griechische Wort artemisia bedeutet Unversehrtheit - ein deutlicher Hinweis auf die Keuschheit der Göttin, die als Herrin der wilden Tiere wie eine Mischung aus Amazone, Hexe und Schamanin agierte. Die erste Erwähnung des Wermuts ist bei den Ägyptern im Papyrus Eber mit der Bezeichnung Saam um 1600 v. Chr. zu finden. In den folgenden Jahrhunderten ist oftmals nicht zu erkennen, ob der gewöhnliche Wermut beschrieben wurde. Auf jeden Fall wurde er bereits damals gegen viele Krankheiten wie z.B. gegen Cholera, Pest, Lähmungen, Vergiftungen, Augenentzündungen, Gelbfieber und viele mehr eingesetzt.

Der Wermut hatte seinen Platz nicht immer ausschliesslich als Heilpflanze. Im alten Rom wurde dem Sieger eines Wagenrennens als Auszeichnung ein Gläschen Wermut kredenzt. Im 19. Jahrhundert war Absinthlikör zu einem wahren Modegetränk geworden. Lange ging man davon aus, dass die Folgen des übermässigen Konsums extrem waren: Neben Suchterscheinungen führte das Getränk angeblich zu irreparablen Schäden des Nervensystems, zu Muskelkrämpfen oder auch Bewusstlosigkeit. Die unter anderem ausgelösten Sehstörungen sollen berühmte Kunstwerke des Expressionismus entstehen lassen haben. Fehlfarben und schiefe Achsen in den Bildern seien nicht Ausdruck künstlerischer Fantasie, sondern spiegelten wider, wie man im Rausch seine Umgebung wahrnähme! Bis vor nicht allzu langer Zeit glaubte man, dass der im Absinth enthaltene Wermut mit Thujon der Auslöser war. Mittlerweile ist es wahrscheinlicher, dass andere Substanzen die Nervenschäden ausgelöst haben.

Die Pflanze anders betrachtet

Wermut gehört zu den Korbblütlern, einer Pflanzenfamilie, die uns mit auffälligen, offenen Blüten beschenkt, z.B. Sonnenblumen, Gänseblümchen, Margeriten, Kornblumen, Arnika und vielen mehr. Dagegen wirkt der Wermut wie ein grau sich zurückhaltendes Wesen, das seine Blütchen so unscheinbar gestaltet, dass selbst Bienen nicht den Weg zu ihnen finden. Ganz nach innen gekehrt steht er, relativ unstrukturiert, formlos da. Vielleicht etwas wie ein erschlaffter, antriebsschwacher Mensch, der seinen Körper nicht richtig durchdringt und deshalb zu Verdauungsstörungen neigt. Als Heilpflanze wirkt Wermut mit seinen den Gallefluss und die Magensaftproduktion anregenden Bitterstoffen dieser Erschlaffung entgegen.